Zwischen Engeln und Menschen – Dissertation des früheren Studienleiters Andreas Wagner nun veröffentlicht

In einer bewegenden Präsentation stellten jüngst in Tübingen die Herausgeber die gedruckte Dissertation des früheren Studienleiters von Studium in Israel, Andreas Wagner, vor. Vor 25 Jahren hatte er seine Arbeit bei der Evangelisch Theologischen Fakultät in Tübingen eingereicht. Am Ende hat seine Kraft zu der von der Promotionskommission geforderten Überarbeitung nicht gereicht. Nun ist sein Werk sieben Jahre, nachdem er 2018 auch darüber aus dem Leben geschieden ist, doch noch im Druck erschienen. Viele haben dazu beigetragen, allen voran sein Doktorvater Hermann Lichtenberger und Daniel Schumann, ein Student aus dem letzten 2006/07 von Andreas Wagner geleiteten Studienjahr in Jerusalem.

Wer zum siebten Himmel aufsteigen will, hat in Andreas einen guten Begleiter

„Ich gehe mal davon aus, dass für die meisten hier heute Abend der 2 Henoch noch nicht zur Nachttisch- oder Urlaubslektüre gehört hat“, mit dieser launigen Bemerkung leitete Daniel Schumann seine Vorstellung des Buches ein. Um dann fortzufahren: „Wer zum siebten Himmel aufsteigen will, braucht bekanntlich einen kundigen Begleiter. In Andreas Wagner haben die Leser*innen des 2. Henoch einen solchen an der Seite.“

Was hat Andreas Wagner an der slavischen Henochapokalypse so fasziniert?

„Der Akzent der vorliegenden Arbeit liegt auf der Darstellung der Rolle des Henoch im slavischen Henochbuch (slHen)“, so beschreibt Andreas selbst sein Anliegen (S. 310). Mit seiner Entrückung in den 7. Himmel wird Henoch vom Menschen in einen Engel verwandelt. Im Angesicht Gottes wird er in himmlischem Wissen unterwiesen. Dieses Wissen hält er in Büchern fest und übergibt es zurück auf der Erde seiner Familie und damit der Menschheit. Am Ende kehrt er endgültig in den Himmel zurück. So steht Henoch zwischen Engeln und Menschen. „Die in der Gestalt des slHen vorgenommene Aktualisierung der Henochtradition zeigt Henoch als Offenbarer des Willens Gottes und macht ihn zu einem universalen Vorläufer Moses.“ (S. 313)

Grundlagen der inhaltlichen Interpretation

Um von einer gesicherten Textgrundlage ausgehen zu können, legt der Autor für den inhaltlichen Hauptteil seiner Dissertation eine Zeilensynopse der vier wesentlichen kirchenslavischen Handschriften vor (S. 324-511). Darin ist er vielleicht auch von der grundlegenden Arbeit mit Handschriften geprägt, wie er sie schon als Student von Studium in Israel 1990/91 in Jerusalem kennengelernt hat.

Seine ausführliche Untersuchung aller griechischen Lehnwörter machen eine griechische Vorlage wahrscheinlich, die sich an die Sprache der Septuaginta anlehnt. Trotz der sprachliche Schwelle zum Hebräischen lassen sich vielfältige Beziehungen zur Hekhalot-Mystik und sogar zum rabbinischen Mainstream feststellen, was auch das umfangreiche Stellenregister belegt.

In der Analyse von Aufbau und Erzähltechniken gelingt es Andreas das kunstvoll überlegte, einheitliche Werk eines Autors nachzuweisen, der nicht nur als Redaktor vorgefundenes Material zusammenfügt, sondern eine kunstvolle Erzählung schafft.

Henoch zwischen Menschen und Engeln als Vorläufer Moses

Nachdem die Textgrundlage und die Einleitungsfragen geklärt sind, ist der Boden für die Darstellung der der oben skizierten Rolle des Henoch zwischen Menschen und Engeln und als Vorläufer Moses in den Hauptkapiteln (S. 115-308) bereitet. Mit seiner inhaltlichen Interpretation hat Andreas Pionierarbeit geleistet, wie Daniel Schumann betont.

„Sei guten Mutes und fürchte dich nicht.“ slHen 22,5

Am Ende seiner Traueransprache für Andreas Wagner ließ Hermann Lichtenberger die Schrift zu Worte kommen, die Andreas über 20 Jahre seines Lebens beschäftigt hat. Darin berichtet  Henoch „Und im siebten Himmel sah ich den Herrn von Angesicht zu Angesicht. Und sein Angesicht ist mächtig und überaus herrlich, wunderbar. Wer bin ich, um das unfassbare Sein des Herrn zu erzählen… Und ich fiel nieder und betete den Herrn an. Und der Herr sprach zu mir (…): Sei guten Mutes, Henoch, fürchte dich nicht! Stehe auf und stehe vor meinem Angesicht in Ewigkeit“ (slavHen 22, 1-5). Und Lichtenberger schloss mit den Worten „Sei guten Mutes, Andreas, fürchte dich nicht.“

Andreas M. Wagner: Zwischen Engeln und Menschen. Die Rolle Henochs im slavischen Henochbuch / Herausgegeben von Hermann Lichtenberger und Daniel Schumann, WUNT II 634, Tübingen : Mohr Siebeck 2025, XIV, 586 Seiten, 129,00 Euro.

Leseprobe https://cdn.mohrsiebeck.com/0c,1a1b8f9391439bb3867b79e668b511.pdf

Thomas Lehnardt, Roßdorf